Buch der Lyrik
 
 

Denken an Patricia

Dunkel senkte sich die Nacht hernieder
über tiefem Waldesgrund,
breitet aus ihr schwarz Gefieder
und der kühnen Recken Lieder
schweigen still nun zu der Stund'.

Hoch erstrahlt am Firmamente
schon des Winters Sternenpracht;
und an hunderten von Feuern
halt ich einsam, ohn' mein Liebchen,
viel zulang hier schon die Wacht.

Doch ich will darob nicht länger nun mehr klagen,
werd' doch Morgen heim ich fahren,
wenn die Sonne wieder über Tannenberge lacht.

Sieh! Schon färbt sich hell der Himmel,
erste Stimmen klingen durch die Nacht,
weiße Nebel steigen auf im Thale,
über dem die Burg hoch droben wacht.

Ach, da ist's! Das ersten Kinderlachen.
Und ganz sacht beim Feuermachen
hör ich Frauen leise singen,
Pferde schnauben, Männer rufen
und auch erstes Waffen klingen.

Und ich?! - Hab mein Werk vollbracht.
Friede war's, auch diese letzte Nacht!

(c) Baba Jaga / Tannenburg - Oktober 2002
 
 

Tränen

Tränen seh' ich,
Tränen fürcht' ich,
Tränen spür' ich,
Tränen brauch' ich,
Tränen schmeck' ich,
Tränen heul' ich,
Tränen lach' ich,
Tränen preß' ich,
Tränen halt' ich,
Tränen denk' ich,
Tränen bräucht' ich,
Tränen wünscht' ich,
Tränen möcht' ich,
Tränen geb' ich,
Tränen träum' ich,
Tränen schenk' ich,
Tränen bring' ich,
Tränen such' ich,
Tränen find' ich,
Tränen wein' ich,
Deinetwegen,
Liebe, leb ich!

(c) Baba Jaga / Berlin - 20. Oktober 2002
 
 

EinSatz

In diesem Gemälde in Öl auf Leinwand der sozialistischen Künstlerin Friderun Bondzin, welches hier besprochen werden soll, wird von ihr das alte Mutter-Kind-Motiv aufgegriffen, wobei die Künstlerin in ihm besonders die enge Verbundenheit zwischen diesen beiden Menschen, welche einerseits durch das Madonnenmotiv, und zum anderen durch die Farben, besonders an den Übergangszonen von Mutter und Kind, wo sie harmonisch ineinander übergehen und auch kräftiger gegenüber den zum Beispiel kälteren Farben zur linken Seite des Kindes sind, wird dies deutlich sowie durch eine starke Linienführung, und dieses ist besonders charakteristisch für dieses Gemälde, zur Unterstreichung des Zusammengehörigkeitsgefühles, in der sowohl von der Mutter als auch vom Kind zahlreiche Linien zum Bildpartner führen,
erreicht wird, darstellt.
(c) Baba Jaga / Berlin - 1993
 
 

Einst

Einst war es,
lang ist es her,
ein Sommertag,
heiß und schön,
wie nur Sommer der Jugend es können sein.
Da war ein Fließ,
ein altes,
einst gebaut,
um Torf zu flößen,
still glitt es dahin,
uns entgegen,
durch tiefen Wald,
funkelte das Wasser
im Strahl der Sonne,
der hi und da durch die Wipfel fiel,
bis auf den Grund tief unten,
in eine Welt voller Leben,
Dschungel,
Urwald,
Dickicht,
Garten,
Pflanzenhölle,
ungezählten,
weiten Feldern,
Seegraswiesen,
dichten blühenden Inseln,
das Wasser bedeckend,
Teppichen gleich,
einladend,
sich auf sie zu legen,
Nympheen erstrahlten voll Anmut und Schönheit,
blühten in reinster Farbe der Unschuld,
dichtes Kraut schuf Wälder
und bergende Heimstatt für viele,
silbrig blitzten die Kleider der Fische,
die in großen Schwärmen,
Fließ auf,
Fließ ab,
zwischen den Ästen dieses Waldes flogen,
spielend,
mit den leisen Wellen und Strömungen,
die ein Sommerhauch über diese Straße des Lebens trieb,
getrieben vom ewigen Tanz des Seins,
Käfer,
Mücken,
Fliegen,
Falter,
prächtige Libellen,
schwirrten,
brummten,
summten,
jagten
und flogen all um uns dahin,
myriaden von Läufern glitten,
getragen von der dünnen Haut des Lebenselixiers,
in eleganter Art vor uns daher,
Spinnennetze,
wie mit tausenden Diamanten benetzt,
säumten funkelnd die Ränder,
die Ufer waren bewachsen
von Dotter,
Minze,
Schilf,
Lilie,
Aronstab,
Knabenkraut,
und weiten Blumenwiesen teils,
der Eisvogel schwirrte vielerorts durch die Lüfte
und fischte,
um seine Brut zu nähren,
aus dem vollen Brunnen,
aus der Ferne klang der Ruf des Kuckuck,
Bussard,
Kranich uns grüßend oft entgegen.
Und wir?!
Glitten still,
leise,
lautlos,
langsam über die Fluten,
staunend über die Pracht
und ehrfurcht empfindend,
in unseren Herzen
glücklich,
friedlich,
wissend,
daheim zu sein,
stillten unseren Hunger
an Fisch und Krebs,
großen,
starken,
gesunden,
die im Geäst des unterseeischen Waldes lauerten,
von uns,
mit sichrem Griff,
schwungvoll,
aus dem Vollen schöpfend,
zu vielen schnell ins Boot geholt,
wissend,
daß sie so nie enden wird,
die Fülle,
stillten unseren Durst,
mit beiden Händen schöpfend,
vom kühlen,
funkelnden Naß,
wann immer es uns hernach gelüstet'.

Einst war es,
lang ist es nicht her,
Sommer ist's wieder,
heiß und schön,
das Wasser jedoch -
tot,
und Stille liegt über dem Land,
kein Fisch,
kein Käfer,
kein Krebs,
kein Grün
belebt die Flut,
die dunkel,
schweigend,
glatt und schnell,
im alten Bett
dahin sich quält.

Was war geschehen?

(c) Baba Jaga / Berlin - 4. Juni 2003
 
 

Begegnung am Meer

Die See geht hoch, die See geht tief,
dumpf grollt der Donner
und die Flut drückt unter mir
sich brüllend an das Land.

Der Himmel rast, das Meer es tobt,
hoch türmen Wolkenberge
und der Blitze Licht durchzuckt
die Nacht, die schreckensgleiche,
wie die Seele mir.

Ich steh hoch oben auf dem Kliff,
ganz weit am Rand,
ganz vorn, am Abgrund unter mir,
den Blick erhoben,
die Arme weit,
ein Schritt nach vorn
und weit und breit
würd' nichts mich halten,
könnt nichts mich freien,
und schrei zurück,
der Mutter Gruß,
an mich und meines Gleichen,
nicht habend Angst vor der Gewalt,
die drohend, frech,
mich spielend gleich zu peitschen sucht.

Denn ich bin hier und bin in Ihr,
und niemand kann mich dem entsetzen, außer mir.
So hell erleuchtet, in der Welt des Todes,
seh ich des Lebens Anfang steh'n vor mir,
und denke froh: "Danke Mama,
daß Du Dich zeigst, dem Sohne dir"!

(c) Baba Jaga / Berlin - 5. Juni 2003
 
 

ohne Titel

tick, tack, tick, tack, tick, tack

Schweigend, mit gebrochnem Willen,
warte ich daheim im Stillen,
bis verrinnt im Glas der Sand,
und des Grabes friedlich Schweigen
mich umfängt mit kühler Hand.

Um zur Ruh' mich dann zu betten,
losgelöst von all den Ketten,
in der Erde kühlem Grund,
der entstieg ich einst vor Jahren,
in des Tages schönster Stund'.

Um mich wieder zu vereinen, mit den Meinen,
die mich wartend dort erwarten,
um sich endlich loszulösen,
von den Schmerzen dieses Seins,
weil es einsam und alleine,
und doch stehts in Hoffnung wiegend,
mich in dieser Welt verloren,
und verlassen ließ hier liegen.

Oh, wenn doch die Pendel schneller schwüngen in der Zeit!
Wenn doch mir vergängen in des Liedschlags Flüchtigkeit,
Frühling, Sommer, Herbst und Winter,
und sich schneller spulte ab die Rolle,
sich bemüht, mir nun zu geben,
was das Herz so lang schon sehnsuchtsvolle,
unter bittrem Klagen, einzig von der Welt nur wolle.

Nämlich endlich zu erhalten, seine Ruhe in der Stille,
seinen Frieden nach des Todes eignem Wille.
Um den es hier im Leben schon so oft, und stehts belogen,
und doch wohl einmal nur, unter der Geburt,
sich sah betrogen.

Doch die Zeit hat lang noch nicht ihr Ende
und so bleibt mir nur zu warten und zu hoffen,
daß einmal das Schicksal Mitleid mit mir fände.

tick, tack, tick, tack, tick

(c) Baba Jaga / Berlin - 15. Juni 2003
 
 

Sonnenwendfeuer

Verloren am Kreise, allein unter Freunden,
so nahe bei jenen und doch so allein,
unerreichbar und einsam und fern aller Freuden,
ich möchte sie rufen, zu holen mich heim.

Doch niemand erhört mich, ich möcht' sie ergreifen,
seh' doch ihre Augen, ihre Leiber im Tanze sich drehn,
kann niemand erreichen, nicht einmal sie streifen,
doch sehe ich auch, daß sie mich nicht einmal sehn.

Sie tanzen um's Feuer, um's Feuer des Lebens,
ich stehe hier draußen und komm da nicht rein,
ich rufe sie, schreie, doch es ist nur vergebens,
sie tanzen und springen und jauchzen und schrein.

Da seh' ich auf einmal mein Kind in den Flammen,
sehe sie zitternd und ängstlich und traurig dort stehn,
verzweifelte Blicke, hilflos, die treffen zusammen,
allein und verloren im Kreis, nur sie kann mich sehn.

Da kommt schon die Lohe, die Helle, bereit zu beenden jegliches Sein,
leckt empor sich an Schenkeln und Waden und erfasst schon das Kleid,
muß löschen die Flammen, die züngelnd sich winden, ihr um das Bein,
doch schon schmilzt das Antlitz, die sengende Hitze, der lieblichen Maid.

Nun brennt schon das goldene Haar ihr im sengenden Schein,
ich heben flehendlich betend die Hände, für die Tochter mir fein,
doch es schnürt mir die Kehle, es verstummt mir das Schrein,
seh doch schon längst brennen die Haut ich ihr bis auf's Gebein.

Da färbt sich urplötzlich die Flamme zu weißlichem Licht,
verdunkelt mit süßlichen Schwaden mir das vertraute Gesicht,
vom nahen Ende uns allen gebend furchtbaren Bericht,
seh ich, wie der Blick der Augen ihr langsam schon bricht.

Kaum hör ich ihr flehendlich Klagen, zu holen sie noch,
so zischt nun die Flamme und schießt nach der Höhe,
fauchend getrieben von des Wind's kräftiger Böhe,
ich komm nicht mehr zu ihr, wie sehr ich's auch mocht.

Verstummt ist das Wimmern, nun ist es vergebens,
ich konnt sie nicht retten, durft nicht mal dort sein,
den nichts kann verlöschen, das Feuer des Lebens,
sengende Lohe, verloren, wer immer dort stürzte hinein.

Und tanzen die Andern und tanzen die Flammen,
und starb nun das Meine, voll Schmerz ich auch wein,
es floßen viel Tränen in Bächlein zusammen,
verdampften wie Regen auf heißem Gestein.

Doch keiner, gar niemand, konnt sehn mich, noch hören,
des Kinds in den Flammen so schreckliches Schrein.

(c) Baba Jaga / Berlin - Litha 2003
 
 

Ich sah ein Land

Ich sah ein Land, so voller Leben war es einst,
ich sah ein Land, in Trümmern liegen, es war meins,
ich sah ein Land, verging in Elend, Gift und Leid,
ich sah ein Land, so voller Mißgunst, voller Neid,
ich sah ein Land, von großer Unerträglichkeit,
ich sah ein Land, vieles zerstört in langer Zeit,
ich sah ein Land, aus Habgier, Tücke, ohne Schneid,
ich sah ein Land, regiert von Dummheit weit und breit,
ich sah ein Land, doch war's nur krank und niemals tot;
ich sah ein Land, in tiefem Schlaf aus großer Not,
ich sah ein Land, das lang genug nun tief geruht,
ich sah ein Land, neu wird's geboren, braucht viel Mut.

Ich sah ein Land, das langsam erst und zögerlich begann zu tanzen, wie noch nie,
ich sah ein Land, und als die Melodie erklang, war sie von schönster Harmonie,
ich sah ein Land, und hört das Lied, das schon nicht mehr gewußt ich hab, so lang war's her,
ich sah ein Land, und brechen auf die Erd ich sah, aus grünen Trieben wuchs ein Meer,
ich sah ein Land, das stieg empor zu neuem Licht und blühte schöner denn vorher,
ich sah ein Land, es weckte sich und stand dann auf, im Schlaf erholt hat es sich sehr,
ich sah ein Land, im Reig sich drehn von Anmut schön erstrahlt sein Lachen mehr und mehr.
Ich sah ein Land, und an dem Tanzen, Wachsen, Blühn, könnt's jetzt noch hindern wer?

Ich sah ein Land, das wuchs, ein Land voll neuer Kraft und strebte auf zu neuem Glühn,
ein Land, wie ich zuvor noch keines sah, wie nie ein Zweites wird entstehn.
Dies Land, es ist nicht fern, es liegt ganz nah, bei dem, der's sucht und danach strebt;
und weiß ich nun, so glanzvoll, reich und schön, konnt niemals es vergehn
und dieses Land, es ist so nah, in unsern Herzen seh ich's blühn.

(c) Baba Jaga / Berlin 11. Juli 2003
 
 

Dresdner Hauptbahnhof!
(Alles aussteigen bitte, Zug endet hier!)

Vor Kurzem noch, lang ist's nicht her,
da floß 'nen Fluß zum blauen Meer,
in einen Bahnhof rein so sehr,
daß dieser ganz schnell wurde leer.

Wollt er vielleicht, wie einfallsreich,
'nen Bähnle nehm zum großen Teich,
war es vielleicht zum Preisvergleich,
daß er betrat dies fremde Reich?

Nein, er wollt's nicht. Denn, o wie nett,
es war ja mal sein altes Bett,
floß vorn er raus wieder sogleich,
hindurch durch den Geschäftsbereich.

Wollt' wohl mal nach dem Rechten sehn,
wollt' fühlen, wie's damals war so schön,
als er's noch täglich so gemacht,
wer bei der Bahn hätt dies gedacht?

(c) Baba Jaga / Berlin 16. Juli 2003
 
 

König Géza

Da ist ein König ohne Land,
von Neményi wurd' er genannt,
der litt's, daß er nicht anerkannt,
obwohl er sich gut ausgekannt,
das hat ihn, voller Zorn entbrannt,
des Nächtens einmal übermannt,
daß er zum Goden sich benannt.
Wie Hirnverbrannt!

Nun schmückt ihn dieser schöne Tand,
worüber er im Land bekannt,
als der, der sich hat umbenannt,
aus Angst, daß er sonst unbekannt,
doch hat das Volk sich schnell bekannt,
und ihm den Titel aberkannt,
so blieb dem König ohne Land,
einzig des Narren Festgewand.

Nun lacht ihm jeder ins Gesicht,
denn Géza wußte dieses nicht.
Durch die Tat gilt's zu erringen,
Titel die viel Ehr erbringen!
Dies Wissen nun sein Leben würzt:
Einzig das Volk erhebt und stürzt.

(c) Baba Jaga / Berlin 17. Juli 2003
 
 


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